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Marchettis Plan
Thriller · Jürgen Rohr
Als die Bibliothekarin Hannah die Räumungsaufforderung des Immobilienverwalters Marchetti für ihre Bibliothek erhält, weiß sie noch nicht, dass dies erst der Anfang eines gefährlichen Abenteuers ist. Ein gefälschtes Gutachten – und plötzlich zählt jede Stunde.
Mit an ihrer Seite: Leo, ein IT-Student mit mehr Mut als Vorsicht, und Eleni, eine obdachlose, aber gerissene Historikerin. Dazu Gulliver, ein kleiner Hund, der zur falschen Zeit am falschen Ort einfach unwiderstehlich charmant ist.
Was als Kampf um ein altes Gebäude beginnt, führt die drei tief hinein in ein Netz aus Korruption, das bis in die höchsten Kreise der Stadt reicht. Die Beweise verschwinden schneller, als sie sie finden können.
VENEDIG HAT VIELE GEHEIMNISSE. ABER KEINES IST SO GEFÄHRLICH WIE MARCHETTI.
Ein Wettlauf durch die Kanäle, Paläste und Geheimarchive der Lagunenstadt – für alle, die Venedig, atemlose Spannung und einen Hund mit Sinn für Dramatik lieben.
Leseprobe · Marchettis Plan
Es gab Tage, an denen Venedig nicht aus Stein und Wasser zu bestehen schien, sondern aus purem, flüssigem Licht. An einem solchen Frühlingsnachmittag legte sich die Sonne wie eine goldene Decke über die Lagune.
Auf dem Canal Grande glitzerte das Wasser so grell, dass die Gondoliere die Augen zusammenkneifen mussten. Ihre Boote glitten durch das flimmernde Licht, während sich die sanften Wellen mit leisem Plätschern an den steinernen Stufen der Palazzi brachen. Die Luft schmeckte nach Salz, nach frischem Espresso aus den offenen Türen der Bars und nach dem fernen Versprechen des Sommers.
Zwischen Markusplatz und Rialtobrücke schob sich eine lautstarke, farbenfrohe Masse aus Touristen durch die engen Gassen. Unter den Sonnenschirmen klirrten Gläser, irgendwo über den Dächern schlug eine Kirchenglocke.
Venedig inszenierte sich selbst – laut, prachtvoll und berauschend.
Doch man musste nur falsch abbiegen, und die Stadt wurde still.
Tief im Labyrinth des Sestiere San Marco, dort, wo Wäscheleinen hoch über den Köpfen zwischen den Häuserwänden gespannt waren, endete eine schmale Calle vor einer schweren, von Salzluft und Jahrhunderten gegerbten Holztür. Ein kleines, mattes Messingschild verriet kaum lesbar:
Biblioteca Civica di San Giovanni.
Hinter dieser Tür veränderte sich die Welt.
Wer diesen Raum betrat, spürte sofort das 16. Jahrhundert. Das einstige Kloster-Refektorium sprengte mit seinen zwei Etagen jede moderne Zweckmäßigkeit.
Entlang der Wände ragten deckenhohe, dunkel gebeizte Nussbaumregale empor. Sie waren so dicht mit ledergebundenen Bänden, vergilbten Lexika und verstaubten Monografien bestückt, dass die Holzbalken unter dem Gewicht des Wissens leise seufzten. Zu den oberen Rängen führte eine filigrane, gusseiserne Wendeltreppe, deren Stufen bei jeder Berührung ein helles, fast musikalisches Klingen von sich gaben, das wie ein einzelner Klavierton durch den Raum hallte.
Inmitten dieser friedlichen, fast sakralen Welt stand ein wuchtiger Ausleihtresen aus dunklem Walnussholz.
Dort wartete Hannah auf die Ankunft neuer Leser. Zu ihren Füßen schlief Gulliver, ihr kleiner Mischling, zusammengerollt unter dem Tresen.
Mit äußerster Konzentration führte Hannah eine Bewegung aus, die sie in den letzten Wochen fast rituell perfektioniert hatte. Sie nahm ein Buch, schlug die hintere Innenseite auf, drückte den hölzernen Datumsstempel auf das Stempelkissen und setzte mit einem trockenen, rhythmischen Klicken das neue Rückgabedatum auf das Papier.
Das Geräusch war leise, aber in der Weite des Raumes klang es ungeheuer endgültig. Und genau das liebte Hannah daran.
Mit ihren sechsundzwanzig Jahren hatte sie eigentlich geglaubt, ihren Platz im Leben längst gefunden zu haben. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie das grelle Neonlicht des Seminarsaals in München noch sehen, das unbarmherzige Summen der Klimaanlage, die Stapel von unausgepackten Umzugskartons in ihrer Wohnung und das permanente, panische Rauschen in ihren eigenen Ohren. Das Referendariat an einer der größten Realschulen Bayerns hätte ihr Traum sein sollen. Stattdessen verwandelte es sich in einen Albtraum aus Erwartungsdruck, schlaflosen Nächten und der ständigen Angst, vor der Klasse zu versagen.
Bis zu jenem Dienstag im November, an dem sie einfach nicht mehr aufstehen konnte. Ihr Körper streikte, ihr Verstand hisste die weiße Fahne. Ein klassischer Burnout. Ein Totalschaden der Seele, verpackt in ein medizinisches Modewort.
Venedig war kein geplanter Rückzugsort gewesen, sondern eine Flucht. Das Erbe ihrer Großmutter – eine winzige, feuchte Wohnung im vierten Stock eines windschiefen Hauses – hatte ihr die Ausrede geliefert, die sie brauchte. Und die Biblioteca San Giovanni war ihr Sanatorium geworden.
Als schlecht bezahlte Angestellte und einzige Kraft bestand ihre Welt hier aus absoluter Vorhersehbarkeit. Die universelle Dezimalklassifikation, die alphabetische Ordnung von A wie Alighieri bis Z wie Zweig – das waren die Leitplanken, die ihren Alltag strukturierten. Ein Buch gehörte an einen exakten Platz, und wenn sie es beim Einsortieren der Rückläufe dorthin zurückstellte, blieb es dort. Es gab keine unvorhergesehenen Zwischenrufe von Schülern, keine Lehrproben, keine Evaluierungen. Hier musste sie nichts leisten. Die Bücher auf den Regalen verlangten nichts von ihr; sie schwiegen und warteten.
Hannah strich mit den Fingerspitzen über den Buchrücken einer abgegriffenen Ausgabe von Italo Calvino. Ihre Hände zitterten kaum noch, wenn sie hier saß. Die Bibliothek war eine Blase aus Zeitlosigkeit, die sie vor den Ansprüchen der Moderne beschützte.
Sie legte das Buch zur Seite, schaute auf die Uhr über dem Portal – es war kurz vor drei – und ließ ihren Blick prüfend durch den stillen Saal schweifen. Er glitt über die leeren Eichentische bis in den hintersten Winkel des Raumes, wo Eleni im Halbschatten saß.
Die goldenen Reflexe des Kanals huschten dort nur noch wie matte Geister über das Holz.
Für jeden flüchtigen Betrachter, der zufällig einen Blick durch die Tür warf, war die Frau dort eine Obdachlose – eine jener Gestalten, die im Schatten der prachtvollen Fassaden Venedigs existierten, unsichtbar für die Touristenströme. Doch für Hannah hatte Eleni die Aura einer Königin dieses Saals.
Hannah beobachtete sie ehrfürchtig. Elenis würdevolle Haltung trotz ihrer Obdachlosigkeit verlangte ihr tiefe Bewunderung ab. Während die Welt draußen an ihr vorbeizog, verharrte sie völlig versunken im Halbschatten, den Rücken kerzengerade, und las.
Neben ihr lehnte ein Spazierstock mit silbernem Knauf an der Tischkante. Zu elegant für die Straße, wie ein Relikt aus einem anderen Leben.
Kein nervöses Umherblicken durchbrach ihre Konzentration, keine Spur von Bitterkeit trübte ihre Züge, obwohl diese ihr Leben eigentlich bestimmen müsste. Sie ruhte völlig im Einklang mit sich selbst, sicher abgeschirmt durch die dicken Mauern der Bibliothek und die Seiten des Buches vor ihr. Dieser Moment des Lesens bedeutete ihr alles – ein unantastbares Stück Normalität, das ihr niemand nehmen konnte.
Vor Eleni auf dem Eichentisch stapelten sich drei dicke, ledergebundene Bände. Philosophische Originaltexte auf Altgriechisch und Latein. Sie brauchte keine Brille, um mit ihrem messerscharfen Blick Zeile für Zeile der vergilbten Seiten zu studieren.
Hannah beobachtete, wie die ältere Frau eine elegante, mechanische Armbanduhr vom Handgelenk löste, sie behutsam flach auf den Tisch legte und die kleine Krone akribisch zwischen Daumen und Zeigefinger drehte. Klick, klick, klick. Das rhythmische Aufziehen des Uhrwerks bildete Elenis Mantra. Sie behauptete stets, nur so halte sie die Entropie – das unaufhaltsame Chaos des Universums – für ein paar Stunden im Zaum.
Plötzlich hob Eleni den Kopf. Sie griff nach einem hauchdünnen Bleistift, der penibel gespitzt neben ihren Büchern lag, und strich mit einer schnellen, fast chirurgischen Bewegung ein Wort in dem jahrhundertealten Buch an.
Hannah schmunzelte leise. Eleni korrigierte wieder Tippfehler. Sie duldete keine Nachlässigkeiten, weder im Denken noch im Druck. Diese Bibliothek diente ihr nicht als Asyl, sondern funktionierte als ihr Büro. Die Stadt draußen nutzte sie als ihr Labor. Sie selbst zelebrierte einen Zustand, den sie stolz als „radikale intellektuelle Freiheit“ bezeichnete.
Hannah wollte gerade den Blick abwenden, um sich dem nächsten Bücherstapel zu widmen, als plötzlicher Lärm die sakrale Ruhe des Raumes zerschmetterte.
Die gusseiserne Wendeltreppe erzitterte bei jedem Schritt, hell, metallisch, gefolgt von dem schnellen, ungeduldigen Poltern schwerer Schnürstiefel.
Leo stürmte die Stufen hinab.
Der einundzwanzigjährige Informatikstudent, den Hannah insgeheim nur den „jungen Professor“ nannte, trug wie jeden Nachmittag seinen ausgewaschenen Oversize-Kapuzenpullover und die dicke Hornbrille, die ihm beim schnellen Gehen permanent von der Nase rutschte. In der Hand hielt er sein aufgeklapptes Laptop, das im grellen Kontrast zu den staubigen Folianten um ihn herum leuchtete, und unter seinem Arm klemmte ein dicker, karierter Notizblock. Seine dunklen Haare standen wild in alle Himmelsrichtungen ab, als hätte er sich beim Programmieren ununterbrochen die Haare gerauft.
Leo verbrachte fast jeden Nachmittag hier. Während seine Kommilitonen in den völlig überfüllten, stickigen PC-Pools der Ca’ Foscari-Universität saßen oder auf dem Campo Santa Margherita Aperol Spritz tranken, flüchtete Leo in die kühle Stille der Klosterbibliothek. Die dicken, jahrhundertealten Mauern schirmten jeden Straßenlärm ab, aber dank eines versteckten Routers im Innenhof lieferte das Netz hier das schnellste und stabilste WLAN der ganzen Stadt.
Für Leo bildete der Raum das perfekte Labor. Hier lud er stundenlang ungestört riesige Datenmengen herunter und kompilierte komplexe Algorithmen, ohne dass ihm jemand über die Schulter sah.
Er stürmte am Ausleihtresen vorbei, würdigte Hannah nur mit einem kurzen, hochkonzentrierten Nicken und hielt direkt auf Elenis Tisch zu. Er stoppte so abrupt, dass seine Stiefel quietschten.
„Eleni“, sagte er ohne jede Begrüßung, die Stimme im Eifer überschlagend. „Es stimmt nicht. Die offizielle Statistik der Stadtverwaltung über die täglichen Vaporetto-Fahrten auf der Linie 1 ist mathematisch unmöglich. Wenn man die durchschnittliche Einstiegsquote an der Haltestelle Salute abzieht, müssten in jedem Boot minus vier Personen sitzen. Minus vier!“
Eleni blickte nicht von ihrem Buch auf, aber um ihre Mundwinkel legte sich ein winziges, kaum merkbares Lächeln. Sie zog ihre Uhr noch einmal mit zwei Klicks auf.
„Das, mein lieber Leo“, erwiderte sie mit ihrer tiefen, druckreifen Stimme, „liegt daran, dass die Bürokratie dieser Stadt nicht nach den Gesetzen der Logik funktioniert, sondern nach den Gesetzen der Fiktion. Setz dich. Lass uns das Paradoxon sezieren.“
Hannah sah den beiden vom Tresen aus zu und spürte, wie sich eine seltsame Wärme in ihrer Brust ausbreitete. In diesem vergessenen Raum, abseits der glitzernden Touristenpfade Venedigs, trafen sich zwei Welten, die draußen niemals miteinander gesprochen hätten. Die Frau von der Straße und das einsame Genie.
Hannah wollte sich gerade wieder ihren Büchern widmen, als von der Eingangstür her ein Geräusch ertönte, das die fragile Magie des Moments wie Glas zerbrechen ließ.
Kein helles Klingen der gusseisernen Treppe und kein tröstliches Glucksen des Kanals kündigten diesen Besucher an. Stattdessen stieß jemand die schwere Holztür der Bibliothek mit solcher Wucht auf, dass die feuchtwarme Frühlingsluft Venedigs förmlich in den Raum schwappte – zusammen mit einem Mann, der den ultimativen Gegenentwurf zu diesem geschützten Ort verkörperte.
Der Mittvierziger trug einen maßgeschneiderten, dunkelblauen Anzug, als wäre er direkt einem Modekatalog entsprungen.
Während die Stadt in der Mittagshitze schmolz, blieb der Stoff makellos, fast unberührt von der Welt.
Am Handgelenk des Besuchers blitzte eine goldene Armbanduhr protzig im Sonnenlicht auf. Mit einer schlanken Ledermappe in der Hand ließ er seinen Blick über die deckenhohen Nussbaumregale gleiten, nicht mit Bewunderung, sondern mit der kühlen Berechnung eines Mannes, der den Wert von Räumen in Quadratmeterpreisen maß.
„Signorina Rossi“, sagte er, und seine Stimme klang so glatt und geschäftsmäßig wie sein Anzug. Er steuerte direkt auf Hannah zu, ignorierte Leo vollkommen und würdigte Eleni nur mit einem kurzen, angewiderten Nicken, als betrachte er einen Fleck auf dem makellosen Boden.
„Signor Marchetti“, erwiderte Hannah, und sie spürte, wie sich ihr Magen schmerzhaft zusammenzog. Das Zittern in ihren Händen, das sie in den letzten Wochen so mühsam besiegte, drohte zurückzukehren.
Marchetti sah auf den staubigen Tresen, dann direkt in ihre Augen. „Ich bin überrascht, dass hier noch nichts in Umzugskartons verpackt ist. Warum haben Sie noch nicht gepackt?“
„Weil… weil wir auf die Antwort der Sponsoren gewartet haben!“, erklärte Hannah, während sie verzweifelt versuchte, gefasst zu klingen. „Es hieß, wir hätten Zeit, um alternative Geldgeber zu finden!“
Marchetti lächelte kalt und öffnete die Mappe. „Die Zeit ist abgelaufen. Ich bringe Ihnen die endgültige Räumungsaufforderung der Stadtverwaltung.“
Er legte das Papier mit dem offiziellen Löwensiegel Venedigs direkt vor sie hin. „Der Beschluss bezieht sich auf den Verkauf des Palazzo San Giovanni, den man Ihnen bereits vor zwei Monaten zugestellt hat. Ihre Galgenfrist ist vorbei, Signorina. In exakt zwölf Tagen wird dieses Gebäude geräumt.“
Unter der Tischplatte schoben sich zwei wachsame, bernsteinfarbene Augen in das schwache Licht. Gulliver gefiel das absolut nicht. Er musterte den Fremden mit gefletschten Zähnen und knurrte so laut, dass Marchetti unwillkürlich einen halben Schritt zurückwich.
„Gulliver, aus. Ruhig“, presste Hannah hervor und legte eine zitternde Hand auf seinen Kopf, um ihn zurückzuhalten. Dann sah sie mit geweiteten Augen zu dem Mann auf. „Zwölf Tage? Aber… es hieß doch, dieser Beschluss sei vorerst ausgesetzt, solange wir…“
„Sie haben auf ein Wunder gewartet“, unterbrach Marchetti sie emotionslos. „Das war Ihr Fehler.“
Ein schmales, selbstgefälliges Grinsen stahl sich auf seine Lippen. „Die Bürokratie ist manchmal schneller als ihr Ruf, Signorina. Ein Luxushotel-Konsortium aus Dubai hat das Höchstgebot abgegeben. Die Bauarbeiter rücken nach dem Feiertag an, am Dritten des kommenden Monats. Sie sollten anfangen, die Bücher in Kartons zu packen.“
„Das können Sie nicht machen!“, rief Leo plötzlich dazwischen. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. „Diese Bibliothek ist ein mathematisches und historisches Denkmal! Die Dichte an Erstausgaben in diesem Raum liegt bei…“
„…bei einem Wert, der die Schulden dieser Stadt nicht bezahlt, mein junger Freund“, unterbrach Marchetti ihn kühl, ohne ihn anzusehen.
Er wandte sich wieder an Hannah. „Sorgen Sie dafür, dass die Räumung fristgerecht abläuft. Schönen Nachmittag noch.“
Mit einem letzten, triumphalen Blick drehte er sich um. Seine Absätze klackten ein letztes Mal unbarmherzig auf dem Terrazzoboden, dann fiel die schwere Holztür hinter ihm ins Schloss.
Eine lähmende, bleierne Stille erstickte den Saal. Selbst das goldene Licht an der Decke verblasste schlagartig. Hannah sackte auf ihrem Stuhl zusammen. Zwölf Tage blieben ihr noch. Dann würde Marchettis Bautrupp ihre sichere Festung zerschmettern und sie gnadenlos zurück auf die Straße werfen – direkt in die Arme ihres alten Versagens.
„Das war’s dann wohl“, flüsterte sie, und eine Träne der Frustration stahl sich in ihre Augen. „Wir haben verloren.“
Marchettis Schritte verhallten draußen auf dem Pflaster, doch das Echo seiner Drohung hing noch wie Gift in der Luft. Niemand bewegte sich. Die offizielle Abrissverfügung lag wie ein Todesurteil auf dem Tresen.
Am anderen Ende des Raumes klammerte sich Eleni an den Eichentisch. Ihre Finger vergruben sich in den Seiten eines historischen Wälzers, um nicht den Halt zu verlieren. Die aristokratische Haltung der Griechin zerfiel in sich. Ein uralter, brennender Schmerz verdrängte jede gewöhnliche Trauer aus ihrem Gesicht.
Hannah blickte auf und sah, wie Eleni die Zähne so fest zusammenbiss, dass sich ihre Kiefermuskeln deutlich abzeichneten. „Eleni?“, fragte sie leise.
Eleni antwortete nicht sofort. Sie löste die Hände vom Tisch und kam mit langsamen, schweren Schritten nach vorn zum Tresen. Jeder Schritt schien sie unendliche Kraft zu kosten. Als sie das Licht der Schreibtischlampe erreichte, fiel ihr Blick auf die Abrissverfügung auf dem Tresen. Dieser Briefkopf mit dem Wappen der Serenissima und einem kleinen, quadratischen Siegel war ihr nur zu gut bekannt. Kaum hatte sie das Dokument gesehen, erstarrte sie einen Herzschlag lang. Hannah sah, dass Elenis Augen feucht schimmerten, aber nicht vor Tränen, sondern vor blanker, fassungsloser Wut.
„Er tut es wieder“, flüsterte Eleni. Ihre Stimme glich kaum mehr als einem heiseren Rascheln.
Leo, der immer noch wie angewurzelt neben Elenis Tisch stand, schob sich langsam die Hornbrille hoch. „Was meinen Sie mit... er tut es wieder? Kennst du Marchetti?“
Eleni blickte auf die Ledermappe, als läge dort eine giftige Schlange. „Ich kenne ihn besser, als mir lieb ist“, sagte sie, und ein bitteres, freudloses Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
Sie sah Hannah direkt in die Augen. „Du hast mich oft gefragt, Hannah, wie eine ehemalige Professorin für historisches Recht und Geschichte auf der Straße landen kann. Warum ich mein Hab und Gut in zwei Plastiktüten durch die Gassen Venedigs trage.“
Hannah hielt den Atem an. Leo trat unwillkürlich einen Schritt näher an den Tresen.
„Es war Marchetti“, sagte Eleni, und das Wort klang wie ein Fluch. „Er ist der Geschäftsführer der Società di Sviluppo Serenissima – dieser skrupellosen Immobiliengesellschaft, die Venedig wie ein Krebsgeschwür aufkauft. Vor drei Jahren hatte er mein kleines, altes Wohnhaus im Viertel Castello im Visier. Es gehörte meiner Familie seit Generationen. Die Società wollte den gesamten Block für ein Luxushotel abreißen, und ich war die Einzige, die sich geweigert hat zu verkaufen.“
Sie holte tief Luft, die Erinnerung brannte sichtlich in ihr.
„Ich habe gekämpft. Doch gegen die Rechtsabteilung der Serenissima hast du als Einzelgänger keine Chance. Eines Tages tauchten Gutachter der Stadt auf. Angeblich akute Einsturzgefahr durch Unterspülung. Es gab Räumungsklagen, gefälschte Berichte, nächtliche Schikanen... Jedes Mal, wenn ich einen dieser Briefe öffnete, sah ich dieses Serenissima-Wappen mit dem roten Siegel – es hat mich fast wahnsinnig gemacht. Am Ende haben sie mich zwangsgeräumt. Mein Haus wurde abgerissen. Ich hatte kein Geld mehr für den Rechtsstreit, verlor meine Anstellung an der Universität vor lauter Erschöpfung und landete auf dem Pflaster. Marchetti hat mir alles genommen, was ich hatte.“
Hannah starrte Eleni fassungslos an. Einen Moment lang stand die Welt still – dann durchströmte ihre Brust plötzlich eine tiefe Wut.
„Und jetzt...“, stammelte Leo, und seine Stimme zitterte vor Empörung, „jetzt will er auch noch diesen Ort vernichten? Das ist kein Zufall. Er zieht dieselbe Nummer noch einmal ab!“
„Genau das tut er“, flüsterte Eleni und ballte die Hände zu Fäusten. „Er sucht sich die Orte, die wehrlos wirken. Er löscht die Vergangenheit dieser Stadt aus, um Beton hochzuziehen. Und wir sind für ihn wieder nur die Kakerlaken, die er zertreten kann.“
Die drei sahen sich an. In der bleiernen Stille des Raumes hing nun nicht mehr nur die Angst vor dem Abriss, sondern die düstere Erkenntnis, einem Monster gegenüberzustehen, das vor nichts zurückschreckte.
Gulliver, das vierbeinige Bündel aus wuscheligem, sandfarbenem Fell, schlich jetzt vorsichtig unter dem Tresen hervor. Er hatte Marchetti wachsam im Auge behalten, ohne einzugreifen, solange dieser im Raum war. Doch nun lockerte er seine angespannte Haltung und schüttelte sich einmal kräftig, sodass seine Plakette am Halsband leise klimperte.
Kaum größer als ein dicker Kater, trug er ein keck aufgestelltes und ein schlaff herunterhängendes Ohr. Seine klugen Augen beobachteten argwöhnisch die Eingangstür, bevor er sich den dreien zuwandte.
Der kleine Mischling trottete zuerst zu Eleni und stellte sich auf die Hinterbeine, um an ihrer abgewetzten Jeans hochzusehen.
Die ältere Frau schluckte ihre bittere Wut hinunter und strich ihm ausgiebig über den Kopf. „Gulliver...“, flüsterte sie, und ihre Stimme klang ein wenig sanfter. „Guter Junge. Du hast genau gewusst, was das für ein Kerl war, nicht wahr?“
Als wollte er antworten, jaulte der Rüde leise auf, bevor er schwanzwedelnd zu Leo flitzte. Leo ging sofort in die Hocke und ließ sich das Gesicht ablecken. Das tat er immer, wenn er Gulliver begrüßte.
„Gulliver hat eine statistische Erfolgsquote von einhundert Prozent beim Finden von weggeworfenen Panini in den Gassen Venedigs“, erklärte Leo Hannah mit matter Stimme, während er dem Hund hinter den Ohren kraulte. Er lieh sich den Hund regelmäßig von Hannah für ausgedehnte Streifzüge aus – insgeheim in der Hoffnung, solch ein wuscheliger Vierbeiner liefere das perfekte Eisbrecher-Skript für Studentinnen am Campo.
Ein Fehler, wie sich immer wieder herausstellte. Der Hund zog die Blicke zwar magisch an, aber sobald Leo von einer Frau angelächelt wurde, brachte er einfach kein Wort heraus und das Gespräch endete in peinlichem Schweigen.
Hannah sah den beiden zu und spürte, wie der kleine Hund die lähmende Schwere für einen winzigen Moment vertrieb. Er lenkte von der Bedrohung ab.
„Er ist ab heute zuständig für die... wie nanntest du es noch gleich, Leo? Olfaktorische Logik?“ Hannah suchte fragend Leos Blick.
„Ein schlaues Wort für Spurensuche.“ Er lächelte und rückte seine Hornbrille zurecht.
Der bevorstehende Abriss schwebte wie ein Damoklesschwert über der Bibliothek. Doch selbst die kurze Ablenkung durch den wuscheligen Vierbeiner verblasste, als ein jähes, dumpfes Brummen einsetzte und rhythmisch die Stille zerriss.
Ein feines Vibrieren durchzog die Bibliothek. Am Ausleihtresen klapperte ein metallischer Stifthalter, während in den Fensterscheiben das reflektierte Licht zitterte. Ein paar abgestellte Gläser auf einem Regal klirrten leise und auf Elenis Tisch wanderte ein abgelegter Bleistift ein paar Millimeter zur Seite.
Gulliver hob den Kopf, spitzte das kecke Ohr, stieß ein tiefes, irritiertes Knurren aus. Hannah blickte auf den klappernden Stifthalter. „Was ist das? Ein schweres Lastboot im Kanal?“
Eleni stand entschlossen auf. „Wollen wir doch mal sehen, was da draußen los ist“, sagte sie und ging zielstrebig auf das schwere, hölzerne Ausgangsportal zu.
Auf dem engen, sonst so ruhigen Campo blockierte der LKW einer Baufirma den Weg. Zwei Arbeiter in neongelben Westen luden gerade Gestänge aus, während ein kompaktes, mobiles Bohrgerät mit einem monotonen, knatternden Sound den historischen Boden bearbeitete. Eine Staubfahne stieg in der warmen Luft nach oben.
Marchetti verschwendete keine Zeit. Seine Leute begannen unmissverständlich mit den ersten, gezielten Probekernbohrungen. Das monotone Dröhnen der Maschinen ließ keinen Zweifel an seinen ernsten Absichten.
Mit hängenden Schultern und bitterem Hass im Kopf kehrten die drei in die vibrierende Bibliothek zurück. Eleni schloss das schwere Holztor, um den knatternden Sound der Maschinen wenigstens ein bisschen auszusperren. Sie atmete tief durch, und plötzlich veränderte sich etwas in ihrem Blick. Die anfängliche Lähmung wich einer akademischen Schärfe.
„Es reicht jetzt“, sagte sie und sah von Hannah zu Leo. „Marchetti denkt, er hat das städtische Archiv gesäubert. Er denkt, weil dort kein Denkmalschutz verzeichnet ist, gehört die Sache ihm. Aber er vergisst, womit er es hier zu tun hat.“
Hannah strich dem unruhigen Gulliver über den Kopf. „Was meinst du damit, Eleni? Du hast doch selbst gesagt, wir haben rechtlich nichts in der Hand.“
„Im städtischen Archiv nicht“, erwiderte Eleni, und ein stolzes Funkeln kehrte in die Augen der Historikerin zurück. „Aber ich habe jahrelang über die Sakralarchitektur und die Besitzverhältnisse des venezianischen Seicento geforscht. Diese Bibliothek stellte im 15. Jahrhundert keinen normalen Profanbau dar. Ein Kardinal stiftete sie und überschrieb sie direkt dem Orden.“
Leo schob seine Hornbrille hoch, sichtlich fasziniert von dem plötzlichen Umschwung. „Und was bedeutet das für uns? Die Kirche hat heute auch nicht mehr das letzte Wort bei städtischen Bebauungsplänen.“
„Eben“, warf Hannah skeptisch ein und verschränkte die Arme. „Wenn die Kirche hier irgendwelche Rechte hätte, warum haben sie sich dann seit dem ersten Räumungsbefehl nicht ein einziges Mal gemeldet?“
„Weil sie es schon an die Serenissima verkauft haben. Für den Patriarchen von Venedig ist die Sache schon erledigt. Aber darauf kommt es auch gar nicht an“, erklärte Eleni und trat mit schnellen Schritten hinter den Tresen, während das dumpfe Dröhnen der Bohrer ihre Worte untermalte.
„Wir brauchen den Patriarchen nicht, weil das Recht der damaligen Stiftungen kompliziert ist. Das können wir zu unserem Vorteil nutzen. Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein originales, päpstliches Stiftungsdokument. Eine sogenannte Bulle. Wenn diese Urkunde eine unantastbare Klausel enthält, die besagt, dass das Gebäude auf ewige Zeiten der Bildung und dem Orden gewidmet ist, ist jeder moderne Kaufvertrag der Stadt rückwirkend ungültig. Das ist Kirchenrecht, verknüpft mit historischem Sonderbesitz. Wenn wir dieses Dokument finden und den Behörden vorlegen, bricht Marchettis gesamtes Kartenhaus zusammen. Seine Baugenehmigung wäre von einer Sekunde auf die andere nur noch wertloses Papier.“
Hannah spürte, wie der Kloß in ihrem Hals kleiner wurde. „Eine Stiftungsurkunde... Aber wo soll die sein? Wenn sie nicht im Archiv liegt, hat Marchetti sie vielleicht schon vernichtet?“
Jenseits aller Grenzen
Abenteuerroman · Jürgen Rohr
Sven hat einen richtig schlechten Tag.
Betrunken kracht er mit seinem Sportwagen gegen einen Baum. Als er die Augen wieder öffnet, liegt er vor einem alten Kloster.
Ein Mönch in Kutte eröffnet ihm knapp: »Du bist tot.«
Doch statt Buße und Reinigung warten im Kloster Freunde auf ihn, die es so nicht geben dürfte.
Eine schräge, respektlose Reise durch eine Welt, in der nichts so ist, wie es zunächst scheint – und ein Abenteuer, das weit über die Grenzen des Vorstellbaren hinausführt.
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